Worin der unsichtbare Kreislauf besteht
Tierhaltung und Pflanzenbau sind enger verbunden, als es vielen bewusst ist. Was Rinder und Schweine ausscheiden, landet nicht im Abfall sondern auf dem Acker. Dort versorgt es Böden mit Nährstoffen, die Pflanzen zum Wachsen brauchen: Phosphor, Kalium, Schwefel und weitere wichtige Nährstoffe. Forschende der Christian-Albrechts-Universität Kiel beschreiben diese organischen Dünger als nahezu gleichwertig zu industriell hergestellten Mineraldüngern, zumindest bei den meisten Nährstoffen. Beim Stickstoff nutzt die Pflanze je nach Ausbringungsmethode zwischen 50 und 85 Prozent. Diese Verfügbarkeit wird durch technische Innovationen immer besser. Zehn Mastschweine liefern so mit ihrer Jahresgülle genug Stickstoff für einen Hektar Ackerland. Bei Rindern reicht dafür schon ein einziges Tier. Ohne diese Nährstoffquelle müssten Landwirte deutlich mehr Mineraldünger einsetzen mit entsprechenden Kosten und auch Umweltfolgen.
Tiere fressen, was Menschen nicht essen
Im Idealfall funktioniert das System in beide Richtungen. Tiere verwerten Reste und Nebenprodukte aus dem Pflanzenbau was Stroh, Kleie, Spelzen, Pressrückstände sind und geben die Nährstoffe anschließend über ihre Ausscheidungen, die Gülle und den Mist, zurück an den Boden. Forschende sprechen von einem zirkulären System. Was auf dem Feld wächst, ernährt das Tier; was das Tier ausscheidet, ernährt das Feld.
Ganz geschlossen ist dieser Kreislauf allerdings nie. Stickstoff geht an verschiedenen Stellen verloren z.B. durch Ausgasung in die Luft beim Ausbringen der Gülle, durch Auswaschung ins Grundwasser oder durch Umwandlungsprozesse im Boden. Der Kreislauf funktioniert, aber er hat hier und da Lücken. Wie groß diese Lücken sind, hängt von mehreren Faktoren wie der Ausbringungstechnik, der Tierdichte in einer Region und der Fruchtfolge auf dem Acker ab. Forschung und Landwirtschaft arbeiten beständig daran diese Lücke immer weiter zu schließen. Denn wo Tiere und Fläche aus dem Gleichgewicht geraten, entstehen Umweltprobleme, die niemand will.
Was sich in Deutschland verändert hat
In den letzten Jahren hat sich in der deutschen Landwirtschaft einiges getan. Seit 2017 wurden die Düngeregeln verschärft, der Einsatz von Mineraldünger ging um rund 40 Prozent zurück, und die Effizienz bei der Gülleausbringung ist deutlich gestiegen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Laut Umweltbundesamt wurden die Stickstoff-Zielwerte für 2030 bereits 2023 erreicht. Das entspricht vermiedenen Umweltkosten von rund 3,2 Milliarden Euro pro Jahr im Vergleich zu 2016. Die Nährstoffbilanz der deutschen Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren spürbar verbessert.
Gülle und Humus: Was die Forschung zeigt
Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Gülle kann auch zur langfristigen Bodenfruchtbarkeit beitragen. In einem Feldversuch über neun Jahre haben Forschende untersucht, wie Gülledüngung und Fruchtfolge den organischen Kohlenstoffgehalt im Boden beeinflussen. Das Ergebnis: Die Kombination aus Gülledüngung und einer vielfältigen Fruchtfolge, etwa mit Kleegras, zeigt positive Effekte auf den Humusgehalt. Allerdings warnen Forschende davor, die Humuswirkung von Gülle zu überschätzen. Das enge Verhältnis von Kohlenstoff zu Stickstoff in der Gülle begrenzt den Effekt. Entscheidend sei vor allem der Futterbau, also die Art, wie Tiere ernährt werden und welche Flächen dafür genutzt werden. Reine Mineraldüngung hingegen führt in vielen Langzeitstudien zu Humusabbau. Organische Dünger schneiden hier besser ab.
Vom Acker auf den Balkon
Der Bogen kann bis in den Alltag reichen. Hornspäne, ein beliebter Dünger für Balkon- und Gartenpflanzen, stammen aus Rinderklauen und -hörnern. Auch viele organische Dünger, die im Gartencenter stehen, sind tierischen Ursprungs und entstehen aus Nebenströmen der Landwirtschaft und Fleischproduktion. Sie sind Teil desselben Kreislaufs, der auch auf dem Feld funktioniert. Tiere nehmen Nährstoffe auf, geben sie in veränderter Form zurück: an den Boden, an die Pflanze, an die nächste Ernte. Und damit auch an die Erbsensuppe, den Haferdrink im Müsli, das Vollkornbrot und die Möhre im Eintopf. Wer pflanzlich isst, isst nicht „ohne Tier“ sondern mit einer tierischen Vorgeschichte, die auf fast jedem Teller mitschwingt. Ein Kreislauf, der Jahrtausende alt ist und der auch in einer Welt mit weniger Fleischkonsum nicht einfach verschwindet. Die Frage ist nicht ob, sondern wie er gestaltet wird.